Getriggert

Es entbrannte einmal eine Diskussion zu Triggerwarnungen, welche zunehmend inflationär eingesetzt wurden. Der Annahme, dass dies aus einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit geschieht, setze ich meine persönliche Auffassung entgegen, dass die Gesellschaft in Sachen Verständnis und Mitgefühl einfach vieles dazu gelernt hat. Natürlich ist es schwer möglich, hinsichtlich jeder individuellen Befindlichkeit immer Rücksicht zu nehmen. Doch wenn uns die Menschheitsgeschichte eines lehrt, dann dass wir uns in einer ständigen Übungsphase befinden.

Wir üben also auch die angebrachte Form der Rücksichtnahme und schießen dabei manchmal über das Ziel hinaus. Für die Kritiker resultiert der übermäßige Gebrauch im schlimmsten Falle in der Verunglimpfung. Doch beinhaltet diese Sichtweise zwangsläufig auch eine Wertung, die ich als unangebracht empfinde. Ist die Empfindung an sich doch eine höchst persönliche Angelegenheit.

Grundsätzlich beschreibt die psychologisch geprägte Bezeichnung „Trigger“ einen auslösenden Schlüsselreiz. Es handelt sich dabei um eine instinktive Reaktion.
Je nach charakterlicher Disposition und persönlicher Geschichte werden manchen Menschen Dinge als Schlüsselreiz aufgebürdet, die ein Außenstehender ohne persönlichen Bezug womöglich nicht nachvollziehen kann. Mir persönlich fällt es schwer, ein Urteil zu fällen in einer Sache, zu der ich (noch) keinen Zugang finden kann.

Andererseits scheine ich auf meine eigenen (BadM)-Texte bezogen der reinen Subjektivität unterlegen gewesen zu sein.

Ursprünglich waren diese Texte allein für meine Augen gedacht. Eine Art Befreiung war es aber erst, als ich mich schließlich entschied, diese zu veröffentlichen. Wahrscheinlich hätte ich in meinem bisher immer latent vorhandenen Mangel an Selbstbewusstsein nicht damit gerechnet, dass diese Texte tatsächlich einmal Aufmerksamkeit erhalten.

Heute allerdings scheint mir ein einleitender Kommentar in Form einer angemessenen Triggerwarnung angebracht zu sein. Doch auch den unbelasteten Leser sollte ich nicht außer Acht lassen. Es wäre wohl falsch davon auszugehen, dass angelegte Seiten, die Violet und den Grundton dieses Blogs beschreiben, vor Betrachtung themenverwandter Beiträge konsequente Beachtung finden.

Ich bedaure sehr, dies nicht vorher bedacht zu haben. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich mich dafür bis über die Schmerzgrenze hinaus selbst gegeißelt, eine Art Seelenritzen sozusagen. Erst durch die Auseinandersetzung mit anderen (Schreibern, Texten und gar während meiner Weiterbildungen) erkenne ich, dass ich dabei bin, mich nach und nach davon los zu machen.
Dies soll mich aber nicht daran hindern, mich aufrichtig für den begangenen Fehler zu entschuldigen.

Im titelgebenden Kontext möchte ich auf den letztendlichen Auslöser für meine Gedanken hierzu verweisen. Der von mir geschätzte Kurt Saar-Schnitt mit seiner sowohl empathischen als auch analysestarken Herangehensweise versteht es, in seinem Beitrag Meine Frau und ich. Eine Liebesgeschichte mit bitterem Beigeschmack. Und Happy End. den Lesern Einblick in eine von der Gesellschaft größtenteils missachtete Welt zu gewähren, ohne dabei zu überfordern (hier wird der se*uelle M*ssbr*uch thematisiert).
Als Außenstehender -jedoch mit persönlichem Bezug- gelingt es ihm, das Augenmerk neu auszurichten auf das Wesentliche. Dabei zeigt er in gewohntem, nicht anprangerndem Tenor auf den blinden Fleck immensen Ausmaßes, den wir uns als Gesellschaft im Grunde nicht leisten können.

Es ist deshalb ein wertvoller Beitrag, der uns alle angeht. Wie bereits dort kommentiert bin ich auch persönlich dankbar hierfür, weil er den Umgang der Gesellschaft mit der Thematik sehr gut auf den Punkt bringt, wie es mir selbst (innerlich verstrickt) bisher nicht möglich gewesen war.

Nun stapeln sich schlechten Gewissens ungelesene Beiträge in meinem Reader, doch von diesem Text konnte mich nichts losreißen („Stammleser“ werden dies vielleicht nachvollziehen können).

Meist ist es den äußeren Umständen geschuldet, dass ich nicht dazu komme, mich für längere Zeitperioden dem Lesen zu widmen. Wenn es nicht die Zeit ist, die mir fehlt, dann die innere Ruhe. Deshalb gehe ich phasenweise häufiger spazieren, als dass ich meine „freie Zeit“ vor dem PC zubringe.
Doch gedenke ich dabei oft jene auf der anderen Seite des Bildschirms, die (mir) besondere Einblicke geschenkt haben. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sind für mich von unschätzbarem Wert und ich bin dankbar dafür, dass es Euch gibt.

Dies bewirkt in mir den Wunsch, etwas zurück zu geben. Nachdem ich meine Seiten überarbeitet habe möchte ich mir die Zeit und Ruhe nehmen, um an neuen Beiträgen anzusetzen, die nicht (nur) auf mein ursprüngliches Thema ausgerichtet sind.

Eine richtige Bloggerin wird aus mir wohl nicht mehr werden. Allein weil mich diese Art der sozialen Struktur zuweilen schlicht überfordert. Ich unterliege wohl einem Rhythmus, der einer normativen und damit auch zeitnahen Interaktion zu widersprechen scheint. Und doch habe ich beschlossen -einige werden es vielleicht ahnen können-, genau deshalb dabei zu bleiben.

Es entspricht meiner schmerzhaft erarbeiteten Überzeugung, dass sich niemand zurückziehen sollte, bloß weil er oder sie sich nicht dazugehörig fühlt. Die Reisen in die Vergangenheit werden weniger und weichen der Gegenwart. So öffne ich mich der Chance, den Selbsthass klein und das Wir groß zu schreiben.

4 Gedanken zu “Getriggert

  1. Liebe Violet Wunderlich, spät dran zwar, aber dennoch möchte ich Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre wunderbaren Worte ausdrücken, die Sie in diesem Text über meinen Blogbeitrag verlauten lassen. Ich betrachte Ihre Beurteilung als großes Kompliment! Und wenn aus Ihnen keine „Bloggerin“ im herkömmlich verstandenen Sinne der Regelmäßigkeit wird (was ja auch kein ‚Muss‘ ist), eine exzellente Schreiberin mit ausgezeichneter Formulierkunst sind Sie allemal. Ich hoffe, Sie finden auf Ihre gewünschte Weise einen guten Weg für sich – in vielerlei Hinsicht. Keine Chance dem Selbsthass. Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s