Die Besinnlichkeit und eine Bilanz

Anfang der Neunziger hatte ich das erste Jahr hinter mich gebracht und meine Sprachkenntnisse etwas vertieft. Allmählich gewöhnte ich mir an, zuhause deutsch zu sprechen. Es nützte ja nichts.

Ich fügte mich in mir noch fremd gebliebene Traditionen ein, schob mich mit einer Laterne durch eine Masse Großgewachsener, die mir den Blick versperrten. Damals verwechselte ich noch gelb mit Geld, als Eselsbrücke war mir das bekannte Gold dienlich gewesen. Auch sagte ich nicht mehr Ballspiel, wenn das Beispiel gefragt war.
Dass ich die auf Knopfdruck Verrücktgewordenen in ihren bunt geschmückten Wagen „Kamele“ entgegen zu rufen hatte, sollte nicht dazu beitragen, dass aus mir ein Karnevalist wurde.


Mir fehlte die Herzlichkeit, ein bisschen Überschwang und vor allem der kreative Beigeschmack des unterlegenen amerikanischen Schulsystems. Der einzige Lichtblick war das tägliche Entkommen dieser drögen Umgebung pünktlich um viertel vor Eins.

Noch etwas ungewohnt war aber der Religionsunterricht. Den hätte ich jederzeit gegen den früheren allmorgendlichen Flaggengruß eingetauscht. Gerade zur Weihnachtszeit. Auf die häusliche Frage, was es im Unterricht gegeben habe, hatte ich es auf den folgenden Punkt gebracht:

„Die Lehrerin hat eine Geschichte erzählt: Jesus has died. Aber das kannt‘ ich schon.“

Gekannt hatte ich die Geschichte aus meiner Zeit bei der Pflegefamilie. Dort war der sonntägliche Kirchenbesuch die Sonntagsschule für die Kinder üblich. Spannend fand ich die Taufe. Wie dort oben auf der Kanzel ein Mensch kurz baden ging, das hatte etwas. Wenn Taufe, dann solch eine für mich am sinnigsten, bei den Baptisten. Das mir verloren gegangene Zugehörigkeitsgefühl gedachte ich mir durch die eigene Taufe wieder einzuholen. Doch einen Tag vor der öffentlichen Badesession wurde ich aus der Pflegefamilie zurück geholt. (Drauf angelegt hatte ich es nicht, denn von Kleinigkeiten abgesehen gefiel mir die heile Welt dort.)

Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich mein Leben durch die Taufe wesentlich verändert hätte. Ungetauft steht man hierzulande ja eher schlechter dar. Doch bisher fühlte ich mich immer frei in meinem Glauben, wie auch immer dieser gerade beschaffen war. Hauptsächlich fühlte ich mich von einem Idealismus und Gerechtigkeitssinn getragen. So missachtete ich oft Intuition und Menschenkenntnis und ließ mich von einem naiven Aktionismus in so manch prekäre Situation treiben. Auch heute noch muss ich mich zurückhaltender geben, als es meinem tatsächlichen Willen entspricht. Die zunehmend negierte Bezeichnung „Gutmensch“ lässt grüßen.

Nicht, dass ich auch nur annähernd in die Gefahr käme, zu einem Gutmenschen zu mutieren. Der Ursprung meines heimlichen Wunsches nach einem konfessionslosen Kloster findet sich eher in meinem ausgeprägten Bedürfnis nach Ruhe.

Heute nutzte ich die alles umgebende Ruhe, um Bilanz zu ziehen. Mein persönliches Fest der Besinnung hat mir gezeigt, wie viel sich dieses Jahr eigentlich getan hat. Seit bald 12 Monaten lebe ich vegan und zwar in toleranter Koexistenz mit meinen fleischfressenden Jungs. In diesem Jahr erhielt ich meine offizielle Zertifizierung zur Sterbebegleiterin. 2015 entschied ich mich fürs Bloggen: ich schrieb, was die Seele hergab und befreite mich von abgestorbenen Wurzeln. Zum ersten Mal verstarb ein mir nahestehender Mensch. Der Entdeckung meines Peinigers Vaters im sozialen Netzwerk zum Trotz betätige ich mich mehr oder weniger erfolgreich im Twittern. Meine Sehnsucht nach einer echten Frauenfreundschaft habe ich etwas erden können. Ich habe mich vertieft in Dankbarkeit und Vergebung üben können (danke, liebe Ann, für die Inspiration, dies auch einmal in Worte zu fassen).

Luft holen.

Dies alles schwarz auf weiß betrachtend muss ich mir selbst gegenüber eingestehen: gar nicht mal übel, Frau-Weltmeisterin-im-Selbstzweifeln. Weil es gerade so schön ist sollte ich an dieser Stelle lieber schließen.

Ich wünsche allen ein schönes Fest, besinnliche Zeiten und viele Möglichkeiten, um liebevoll sein zu können – auch sich selbst gegenüber. Es ist schön, Euch entdeckt zu haben, liebe Mitlesende und jene, denen ich folge. Wer mag und Muße hat, den lade ich dazu ein, seine persönliche Zwischenbilanz mitzuteilen. Ich würde mich freuen.

Eure Violet

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4 Gedanken zu “Die Besinnlichkeit und eine Bilanz

  1. Gutmensch wurde von den Nazis missbraucht, die damit Menschen defamieren wollten, die sich der Juden annahmen. Ursprünglich waren das sozial eingestellte Menschen, die sich für andere engagierten, so wie es heutzutage viele Bürger tun.

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  2. es tut so gut, Dich wieder zu lesen….so viel hat sich in Deinem Leben 2015 geändert…Danke fürs Teilen. Ich bin gespannt, ob Du vielleicht mal über die Sterbebegleitung schreibst, Veganerin….jetzt auch Du 😉

    LG Ann

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Ann, ich freue mich jedes Mal über einen Kommentar von Dir.

      Die Sterbebegleitung dürfte noch Thema werden im kommenden Jahr.
      Sicher werde ich auch meine persönlichen Erlebnisse hinsichtlich der diesbezüglichen Weiterbildungen aufgreifen. (Man glaubt gar nicht, welch heilsames Potential dieser Art der Begegnung bergen, selbst für einen Gruppenphobiker meines Schlages.)

      Vegan – ja, auch ich nun. Tatsächlich hatte ich kurz überlegt, ob ich das nicht aus der Aufzählung streiche. Aber mei, ich glaube die geschätzten Leser und ich, wir schenken uns nichts in Sachen Toleranz.

      Jedenfalls sitzt die Veganerin genüsslich mit Weihnachtswein am Schreibtisch gekuschelt und liest sich durch über hundert noch ungelesene Blogbeiträge. Derweil mein Mensch der Küchenröhre mit dem darin befindlichen Braten ordentlich einheizt. Und ja, es duftet superb.

      (Also zu Ostern wurden ein paar extra Kilometer zurück gelegt um ein Stück weidegefüttertes Rind teuer erstehen zu können. Es war unglaublich. Doch schon vor meiner vegetarischen Zeit kam ich mit recht wenig Fleisch aus und so hallt dieser Festschmaus bis heute in mir nach. Aber, pssst – nicht weiter sagen.)

      Liebe, an der Falafel mit Aioli knuspernde, Grüße
      Violet

      PS. Nach Weihnachten halte ich wieder das Küchenzepter in der Hand und es wird eine vegane indische Woche geben. Meinen extrascharfen Kreationen kann (hier) niemand widerstehen. So, genug vom Essen jetzt. Dem Gourmand in mir muss Einhalt geboten werden.

      Gefällt 1 Person

      1. Liebe Violet, irgendwie kann ich mir einen so feinfühligen Menschen wie Dich nicht als Gourmand vorstellen…..eher Gourmet…..aber Gourmet und vegan kompatibel ist, weiss ich nicht so genau. Ich bin kein grosser Fan davon….aber jeder, wie er/sie mag. Ich esse aber auch eher wenig Fleisch, aber ab und an muss es einfach sein 😉

        Dann bin ich noch mehr auf Deine nächsten Beiträge gespannt. Du hast mich jetzt neugierig gemacht….aber lass Dir ruhig Zeit.

        Geniess das Essen und die Weihnachtstage……auf Deine indischen Rezepte wäre ich auch gespannt….

        So oder so, bis bald oder etwas später bald…LG Ann

        Gefällt 1 Person

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