Ein erstes Mal

An einen Hospizler sollten Außenstehende nicht die Erwartung eines allzu gewohnheitsmäßigen Umgangs mit dem Tod stellen. Aus der Liebe zum Leben haben wir uns freiwillig für einen regelmäßigen, intensiven Umgang mit dem Tod entschieden. Weniger angreifbar sind wir deshalb nicht.

Im Gegenteil.
Speziell in meinem Fall ist es so, dass mich zunächst eine übersensible Ader aufs scheinbar widersprüchlichste dorthin schickt, wo es grenzwertig wird. Überladen, überlastet und überfordert von der Irrwitzigkeit dieser Welt erweist sich das andere Herz in meiner Brust dann als überraschend belastbar.

Derzeit aber fühle ich mich klein und verwundet an Stellen, denen ich bisher eher flüchtige Beachtung schenkte.

Die ersten drei Tage danach waren kaum auszuhalten. Wie an jedem anderen Wochentag zuvor schlugen meine Augen um genau Viertelvorsechs morgens auf. Doch an diesen Tagen schlug mich auch eine neue Erkenntnis, so tief, dass ich fast wieder zurück gefallen wäre.

Die beste Schwiegermama der Welt, mir auf eine solch fürsorgliche Weise verbunden, wie ich es bisher noch nicht erlebt hatte, war verschwunden. Einfach so. Von gestern auf heute. Von vorgestern auf gestern. Welcher Tag ist heute nochmal? Es interessiert mich nicht sonderlich. Doch um meiner kleinen Familie willen halte ich mich zusammen. Die Trauer des Sohnes und Enkelsohnes ist auch meine. Ihr Verlust ist anders als der meinige, und doch so gleich. Alles vermischt sich zu einem pulsierenden Schmerz, die unaufhörliche Erinnerung daran, dass ich zum Menschsein geboren wurde.

Aktuelles Weltgeschehen versuche ich auszublenden.
Zwar las ich kürzlich erst den Kurz-Kommentar „Irgendwas mit selbstreferentieller Belanglosigkeit und dem Niedergang der Blogkultur.“ 1, doch sollte mich dies nicht davon abhalten, weiterhin vor meiner eigenen Haustür zu kehren. Ich halte mich nicht ungerne vor meinem Glashaus auf und betrachte dort die Steine, die ich einst geworfen hatte. Sie sagen mehr über mich aus als die domestizierte Sammlung.

Ich stöbere in meinem „In progress“-Ordner und erblicke dort das Chaos des Unbeendeten. So viele Worte, zu viele Themen. Könnte ich doch nur so abrupt etwas abschließen, wie es das Leben von ganz alleine manchmal tut.

Im Falle der Schwiegermama muss ich das Schlagartige aber auf den Illusionshaufen werfen. Dieser von der Vorsorge -da nicht in Anspruch genommen- unbeachtete Tumor hatte alle Zeit, um zu einem stattlichen Gebilde heran zu wachsen. An einer Lungenvene hatte er es sich gemütlich gemacht, von der Hausherrin unbemerkt fraß er kleine Löcher in ihre Lebenserwartung.

Das erste Mal, als das Herz durch schnelles, unregelmäßiges Schlagen auf sich aufmerksam machte, wussten die Ärzte keinen Rat. Ereignisarme Wochen vergingen, da rief das Herz erneut zur Obacht auf. In derselben Klinik, die fast ein Jahr zuvor die Sepsis der dort operierten Urgroßmutter übersehen hatte, initiierte man eine dämonische Diagnostik. Aufs fahrlässigste wurde die Reihenfolge Kontrast- auf Schmerzmittel vertauscht. Das Ergebnis mündete in Stunden der Qual.

Ein Anruf in erleichternder Stimmung ob der Größe des Tumors.
11 mm.
Inoperabel, aber keine Streuung. Zuversicht durch Chemo.

Nach der ersten Chemo eine Art neues Lebensgefühl, Bäume könnten ausgerissen werden. Doch am Treppenabsatz, die ins Schlafzimmer im oberen Stock führt, wartete die Realität. Zwei, drei Stufen, mehr ging nicht. In der Klinik hatte sie sich jeden Besuch verbittet, wieder zuhause angekommen schien es, als habe es keine große Eile, dass ihre in alle Winde zerstreuten Lieben bei ihr aufschlagen.
Niemand dachte an das Ende.

Für eine Woche residiert sie im Wohnzimmer, führt Telefonate mit Nahestehenden, denen sie ihren optimistischen Kampfgeist demonstriert. Ihre Kondition will sie nicht vernachlässigen, den Garten erst recht nicht. Es geht.

Unsere längst überfällige und Tage andauernde Auto-Inspektion war genau vier Stunden vor ihrem Tod abgeschlossen. Ich erinnere mich an meine diffuse, nicht zuzuordnende Unruhe den ganzen Vormittag hindurch. Am Vortag der Versuch, sie telefonisch zu erreichen, um mit ihr unser Kommen abzusprechen. Weitere Versuche am nächsten Morgen. Am Nachmittag dann der Anruf ihres Mannes, und das ungläubige, mit zitternder Stimme entgegnete Was? und Oh-nein meines Menschen.

Abends das Telefonat mit der diensthabenden Schwester.
Die verwirrende Nachricht, dass Schwiegermama nach Einlieferung direkt auf die Palliativ-Station gebracht worden war. Die bestürzende Information, dass der Ehemann die Frage nach der Benachrichtigung von Angehörigen verneint hatte.

Das Telefonat mit dem leitenden Oberarzt am folgenden Tag.
11 cm.

Zentimeter, nicht Millimeter.
Waren es gewesen.

Die Chemo hatte zwar gut angeschlagen, der Tumor war etwas geschrumpft. Gleichzeitig aber legte dessen Rückgang bereits perforierte Venenteile frei. Der Grund, weshalb der Ehemann heute von den Bildern seiner urplötzlich scheinbar eimerweise Blut spuckenden Frau heimgesucht wird.

Und ob der Krebs gestreut hatte.
Und wie die unbändige Angst den Ohren einen eigenen Willen verleiht.

Hier war keine gut gemeinte Rücksichtnahme am Werke gewesen, nicht die Lieben sollten geschützt werden vor dem endgültigen Wissen des Unabwendbaren. Beide am Diagnosegespräch anwesenden Eheleute hörten 11 mm und sahen einen Hoffnungsschimmer, zwar nicht in blendender Manier, doch hundert Mal heller als die Wirklichkeit.

An dem ersten Morgen, den ich nicht mit heißen Tränen der Wut und Verzweiflung begegnete, begann ich einen Nachruf zu schreiben. Auch er lauert noch als unfertiges Monster in meinem Ordner. Noch gehören die Worte mir allein, kann sie nicht ins Endliche entlassen.

Jeden Tag aufs Neue durchschreite ich die verschiedenen Trauerphasen.
Ein besonderer Mensch ist von uns gegangen. Von mir gegangen. Da kann ich ganz egoistisch sein.

Vergangener Sonntag, der erste nach der Beerdigung.
Aber auch der erste Advent. Zu diesem sagt sich traditionell der Schmückrausch an, welcher durch Christmas carols seine gehörige Untermalung findet. Doch mir war schlicht nicht danach. Der Tag war frei und nichts trieb uns an. Ich genehmigte mir eine Extra-Portion Johanniskraut und werkelte an einer großen Ladung frischem Kakao nach eigener Rezeptur, Mini-Marshmallows inklusive. Damit setzte sich unsere kleine Familie vor die Mattscheibe und ließ sich von allen Failarmys, die Youtube im Angebot hat, zu seitenstechenden Lachsalven verleiten.

Ansonsten reden mein Mensch und ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Schwiegermama, Umstände und Erinnerungen, auch die weniger positiven, über alles, was hätte sein sollen und werden können, doch nun keine Option mehr ist. Das Gefühl, den Schmerz nicht verschweigen zu müssen, brauchen wir beide.

Dennoch, bei dem Gedanken an meine bevorstehende Weiterbildung zur Trauerbegleiterin wird mir ein wenig mulmig. Denn vor meiner Entscheidung zur Teilnahme hegte ich leise Zweifel wegen mangelnder Selbsterfahrung. Nie zuvor hatte ich einen mir nahestehenden Menschen verloren.

Heute spüre ich, wie auch die erträglichsten Augenblicke von einem tiefsitzenden Schmerz begleitet werden. Und wie wahrhaft surreal einem das Ganze vorkommt.

Ich glaube, von nun in der Lage zu sein, mich besser in mein trauerndes Gegenüber hinein zu fühlen. Diesen Gedanken verordne ich mir selbst, um etwas Positives aus diesem Erlebnis zu ziehen.

Quellen
1 Zitierter Tweet von @meterhochzwei:

Irgendwas mit selbstreferentieller Belanglosigkeit und dem Niedergang der Blogkultur.

https://twitter.com/meterhochzwei/status/662187478351273984

2 Gedanken zu “Ein erstes Mal

  1. Tatsächlich verhindern eigene Erfahrungen in diesem Schmerz zukünftige Plattheiten wie, „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder „Nach Regen kommt Sonnenschein“ und derlei mehr. Ein Mensch der trauert spürt sofort, ob er beruhigt werden soll oder echte Anteilnahme im Spiel ist. Es müssen nur wenige Worte sein, dann aber die richtigen. Dake für deine ehrliche Gefühlswelt.

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