er, sie, es twittert

Im letzten Jahr wagte ich den Klick zu Social Media.
Meine zuweilen eremitische Haltung verstärkt die abwehrende Ader der großen Masse gegenüber – nicht die beste Voraussetzung für eine gelungene Netzdarstellung. Wo mir im Leben bereits drei Personen (selbst inklusive) als Gruppe begegnen, fühle ich mich im Netz oft schier überwältigt von den vielen Stimmen.

Dennoch erkor ich Twitter als Versuchsobjekt aus.
Doch wie immer, wenn ich nachzukommen versuche was die Gruppe diktiert, scheiterte ich.

Sei interessant, sei vor allem lustig und am allerwichtigsten, bleib authentisch (ha). Wenn es das nicht tut, dann leg‘ Dir ein gutes Image zu. Und hast Du Dir erst einmal einen Ruf erarbeitet, hülle die nicht ganz so zuträglichen Gedanken und Emotionen in einen Zweitaccount.

Ach, Welt. Dies Spiel ist nicht meins. Ich bin weder Häschen noch Häscher, sondern unfassbar wie der Wind.

Vielleicht hätte ich mit es Twitter weiter versucht, wäre mir nicht mein Vater in die Quere gekommen.

Während ich mich wegen eines neuen Passes um diverse Dokumentausfertigungen bemühte, erlangte ich unversehens Kenntnis über seine aktuelle Wohnanschrift. Ich schaute bei Google Maps vorbei. Wie wäre es, online schnell einen Flug buchen, ab über den Nordatlantik und was dann? An seine Tür klopfen und ihn stummen Blickes zur Rede stellen? Um mich von weiteren Gedanken in diese Richtung abzulenken stöberte ich weiter durch das Netz.

Und siehe, er ist bei Twitter.
Welch ein Zufall, dass ich ihn quasi im selben Moment entdecke, als er sich dort ein Profil zulegt.

Da sitze ich also über zwanzig Jahre später und schaue auf sein heutiges Gesicht.
Eines, das mich früher vage an John Wayne erinnerte. Das auf dem Profilbild durch einen umfangreichen Bart verborgene Lippenpaar, welches mir den ersten Kuss bescherte. Ich starre auf den Bildschirm. Seine massiv gewordene Gestalt trägt Brille und Basecap.

Na, heute schon irgendeinen Schutzbefohlenen verspeist?
Fast wärst Du ins Gefängnis gekommen, heute bist Du ein ehrenvoller Veteran und gibst Dich gottesgläubig. Widerlicher Lüstling, der Du immer noch bist, flirtest Du online für alle ersichtlich mit beinahe Barbusigen half your age. Du warst mal mein Vater – der einzige, der für mich da war, nachdem ich halbjährig von meinem Erzeuger verlassen wurde.

Denkst Du auch mal an mich? An die Tochter, die Du derart geprägt hast, im Guten wie im Schlechten? Der Du hast drakonische Strafen angedeihen lassen, nur um ihr nachts anders beizukommen?

Diese wulstigen Lippen, die mich bezichtigten.
Ich habe nicht gelogen, Du bigottes Arschloch.

Erinnere Dich doch an Deine eigenen Disziplinarmaßnahmen, die mir jegliche kindliche Flunkerei austreiben sollten. Wie das Kauen auf Kernseife, zum Beispiel. Als ob ich es jemals gewagt hätte, etwas Unwahres von Dir zu behaupten.

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Vielleicht wäre es im Zeugenstand gar nicht mal so traumatisch geendet. Zumindest hätte es ein Urteil gegeben. Meiner Erinnerung fehlen die genauen Umstände, die zu einem jähen Ende des Gerichtstermins damals führten. Wie konntest Du überhaupt so glimpflich davon kommen?

Ich auf der anderen Seite heimste mir weiter ein Trauma nach dem anderen ein.
So wurde ich zunächst in ein Kakerlaken verseuchtes Trailerheim, das sich Pflegestelle nennen durfte, verfrachtet. Dort blickten meine großen Kinderaugen in eine entsetzlich reale Wahrheit, deren Schmerz ewig nachzuhallen scheint. Abgesetzt bei einer Frau, die mir fremd und fern blieb, auf einer durchgesessenen Couch vor dem plärrenden Fernseher. Wo war ich und für wie lange, warum sitze ich hier, ganz alleine in der Fremde?

Verlassen.

Bei der späteren Pflegefamilie teilte ich das Zimmer mit einem Teenagermädchen, das mir die Unschuld ihres Vaters gestand. Sie hatte sich tatsächlich alles nur ausgedacht und fand von allen Seiten Unterstützung. Es muss dieselbe perfide Neugierde gewesen sein, die sie dazu verleitete meine Hand an den Schritt ihres Freundes zu führen, als dieser zu Besuch war. Auf der Veranda sitzend hatte sie gesagt, ich solle ihr vertrauen und meine Augen schließen. Meine Intuition sagte nein, doch der Verstand wollte nicht hören.

Unvorhergesehen wurde ich nach Deutschland geflüchtet. Nachdem ich dort in den Genuss unsäglich stupider Therapien kam kehrte ich anschließend zurück in meine Heimat. Und zu Dir, der Du zwischenzeitlich alle Familienfotos entsorgt hattest. Ich fühlte mich wie ausgelöscht, als hätte es uns und mich als Deine Tochter nie gegeben. Ihr trenntet Euch schließlich und wir gingen endgültig zurück nach Deutschland.

Vor allem dort entfaltete sich der immense Druck des familiär zelebrierten Redeverbots. Sobald mich der illusorische Hauch einer Freundschaftsmöglichkeit umwehte, brach ich unter diesem zusammen.
Aus Angst vor dem väterlichen Besuch zu Weihnachten öffnete ich mich einer Klassenkameradin, sagte ihr, ich würde abhauen, wenn er wirklich käme. Verraten worden und erneut zum Gesprächsstoff der ganzen Schule beigetragen. Die Klassenlehrerin bat mich unter vier Augen, nicht mehr solche Geschichten zu erzählen, weil ich den anderen Kindern damit Angst mache. Zitternd stellte ich mich zuhause vor verschlossener WC-Türe und beichtete der Mutter den Vorfall.

Jahre später ein erneuter Versuch, mich einer Freundin anzuvertrauen. Erneuter Verrat und zuhause die schallend heiße Ohrfeige des Bruders in Empfang genommen. Das eisige Schweigen der Familie. Therapeuten, die an meiner Psyche herum stümperten. Sog. Freundinnen, die wiederholt mein Vertrauen missbrauchten.

Allein.

Ich war ganz auf mich allein gestellt und brauchte lange, sehr lange, um zu begreifen, welche Konsequenzen es mit sich bringt, seelische Wunden dauerhaft zu ignorieren.

Diese kurze Reise in die Vergangenheit war mehr, als ich ertragen konnte. Ich setzte den Twitteraccount auf privat, schaltete den Rechner aus und ließ mich dort bis heute nicht mehr blicken.

Obwohl ich auf diese Entdeckung hin eine der entspanntesten Nächte meines Lebens erlebte (eine eigentümliche Ruhe überkam mich, als ich meine Bettlektüre zuklappte und auch beim Erwachen am nächsten Morgen fühlte ich mich freier als jemals zuvor), bewahrte ich zunächst den digitalen Abstand.

Während ich mich ein Leben lang kleinhielt und versteckte, tummelt er sich schamlos in den sozialen Medien. Wo ich an die Außenseite gedrängt wurde, fühlt er sich in der Mitte der Gesellschaft sicher aufgehoben.

Damit ist jetzt Schluss.

Twitter macht mir Angst und für ihn finde ich auch noch keine Worte. Doch genau deshalb kehre ich nun zurück. Ich bin dort, weil er es auch ist. Weil es selbstverständlich sein sollte, dass wir alle dort sind. Vor allem sollte keinem, der es schafft uns einzuschüchtern, widerstandslos das Terrain überlassen werden.

Dabei ist es unerheblich, wie lange ich brauchen werde, die Worte zu finden. Ob für ihn oder die anderen. Allein die seit Monaten andauernden Versuche, damalige Erlebnisse schriftlich zu schildern, verlaufen bisher kontinuierlich ins Groteske. Vielleicht erhebe ich einen zu hohen Anspruch, doch eine Salve klischeebeladener Worthülsen vermögen nicht die gewaltigen Zustände beschreiben, durch die ich taumele.

Wegen dieser Erfolglosigkeit gerate ich gefährlich nahe an den Sog des Selbsthasses. Er wird mich wohl mein Leben lang begleiten und es ist ein ungeheurer Kraftakt, ihm auf Dauer fern zu bleiben. Zusammenreißen und Durchhalten, Währungen meines Lebens. Überleben ist das, was ich am besten kann.

Überleben? Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie mit mir die Lächerlichkeit.
Ich denke da an die Vorgänge in der Welt, die wirklich desaströs und katastrophal sind.

Menschlichkeit in all ihren Facetten. Gleich, wie seltsam ich sein mag – ich bin Teil dessen.
Wie unnatürlich wäre es denn, nicht auch wirklich teilzuhaben?

Also nieder mit dem Grundsatz der Sprachlosigkeit und auf zu Twitter.
Weil eine Stimme von vielen zu sein besser ist, als gar keine zu haben.

3 Gedanken zu “er, sie, es twittert

  1. Hallo.

    „Ich bin weder Häschen noch Häscher“. Das ist mir sofort aufgefallen und ich mußte schmunzeln. Beim Weiterlesen sah die Welt dann sehr viel anders aus…Dazu möchte ich mich auch nicht äußern.

    Vor Jahren wollte ich es auch wissen und bin zu „facebook“ gegangen – für knappe zwei Wochen. – Es hätte gerne kürzer sein dürfen, doch das Kündigen war kompliziert.

    Auf diese Art der Vereinnahmung kann ich durch aus gut verzichten; Twitter wird ähnlich sein. Bei einem Bildungsträger, bei welchem ich einmal gejobbt habe, klagten viele der mir anvertrauten jungen Erwachsenen über den unglaublichen Druck, den sie durch diese „social“ Medien ausgesetzt seien; doch nur wenige waren in der Lage, die Konsequenz zu ziehen und diesen Mist zu verlassen.

    Du bist damit also nicht alleine. – Du bist bei Twitter ausgestiegen. – Respekt!

    Liebe Grüße,
    Frank

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    1. Ich kann mir nicht helfen, doch es fällt mir schwer, die sozialen Netzwerke rigoros zu verteufeln. Schließlich handelt es sich um eine Sache, die durchaus Positives hervor zu bringen vermag. Letztlich liegt es bei jedem einzelnen Nutzer, wie er von seinen Möglichkeiten Gebrauch macht. Nicht anders verhält es sich in unserer Gesellschaft.
      Genau deshalb fände ich es gut, wenn sich noch viel, viel mehr Menschen mit Social Media (konstruktiv) auseinander setzen würden.
      Mich interessiert die oberflächliche Struktur weniger als die zunächst nicht sichtbaren Strömungen. Um diese aufgreifen zu können bedarf es einer gewissen zeitlichen Investition und Geduld.

      Danke für den Respekt. Wobei es nicht viel Mut brauchte, um Twitter den Rücken zu kehren. Den brauche ich wohl, um dort sesshaft zu werden und trotzdem ich zu bleiben.

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