BadM #3

Wochen, fast Monate, vergingen ohne eine Reaktion von Dir. Ich habe keine Ahnung, was meine Zeilen bei Dir bewirkten und es interessiert mich fast weniger als die Tatsache, dass ich abermals ignoriert werde. Ist dieser Gedanke nicht ebenso selbstsüchtig wie Dein jahrelanges Verhalten mir gegenüber?

Es besteht die Möglichkeit, dass ich diese Art der Selbstsucht ein wenig als kleine Rache genieße. Klar verhalte ich mich passiv-aggressiv. Du würdest es doch keine Sekunde aushalten, brächte ich meine wütende Analyse über Dich. Ich bin nicht auf Zerstörung aus.

Bevor Sie weiterlesen! Ein kleiner Warnhinweis:
Folgender Text (als fiktiver Brief an die Mutter „BadM„) behandelt eine traumatische Kindheit, welche auch den se*uellen M*ssbr*uch beinhaltet.

Erinnerst Du Dich an Deine erste mir auferlegte Schweigebehandlung?

Sie folgte, nachdem ich Dich darüber unterrichtete, den Kontakt zu meinen leiblichen Vater aufgenommen zu haben. Du und die ganze Bagage, zu der Du sofort gelaufen bist, Ihr wart Euch alle einig darüber, dass mir ein solches Vorgehen nicht zustünde. Ich hätte Dich erst ansprechen bzw. fragen müssen. Was seid Ihr doch alle für Heuchler. Mir war es nie erlaubt, über damals zu sprechen, es sei denn mit irgendwelchen idiotischen Quacksalbern. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Vorvergangenheit, also mein leiblicher Vater, über den nie ein Wort gesprochen wurde (über dessen Eltern dafür mehrfach negative Bemerkungen fielen), ein legitimes Thema gewesen wäre?

Eure verquere Auffassung von Loyalität wollte mir nicht in den Kopf und ließ mich letztlich kalt. Welch Anmaßung stellt es doch dar mir bezüglich meines Bestrebens, meinen leiblichen Vater kennen zu lernen, Vorgaben zu diktieren. Ich hätte also das mir gegebene Recht Deinem Wohl unterstellen sollen- ausgerechnet? Ich wüsste nicht, in wie fern Du Dir das verdient hättest.

Jedenfalls sprachst Du ein halbes Jahr lang nicht mit mir und ich lernte in der Zwischenzeit meinen Menschen kennen. Als Scheidungskind, das regelmäßig und beinahe brutal vom Vater geschlagen wurde, hatte er seine Erfahrungen mit solchen Gegebenheiten gemacht. Nach mehreren Jahren der Kontaktlosigkeit verblieben ihm im Anschluss an der Versöhnung mit seinem Vater nur wenige gute Jahre, bevor dieser recht jung verstarb. Doch sie hatten die Chance gehabt, gemeinsam eine neue Beziehungsebene aufzubauen und hierfür war er trotz der nie endenden Trauer immer sehr dankbar gewesen. Ich dachte viel darüber nach und entschied, einen Versuch zu wagen. Verletzt, wütend und ängstlich stellte ich mich Dir.

Als Du wie verabredet abends zu mir kommst erschrecke ich zunächst – Du, die seit ihm immer wieder unzufrieden mit Gewichtsproblemen hadertest, hattest mindestens 10 Kilo abgenommen. Ich hätte Dich kaum wieder erkannt, wärst Du nicht höchstpersönlich in meiner Wohnung vor mir gestanden.

Künstliches Licht fördert einen künstlichen Abstand, nicht unbedingt hilfreich, wenn zwei Menschen einander näher kommen sollen. Ich stellte also eine Kerze in die Mitte des Küchentischs.
Da sitzen wir also, zwei Fremde zum intimen Gespräch bestellt. Wie so oft davor und danach fühle ich mich Dir fremd. Um ehrlich zu sein – und weil ich in intimeren Kreisen wie hier dazu neige, eine radikale Ehrlichkeit an den Tag zu legen – weiß ich gar nicht, ob ich Dich überhaupt mag. Wie verfährt man eigentlich mit solch einer Erkenntnis? Ich bin bis heute unentschieden darüber.

Ich halte den von mir eher abgelehnten, im Laufe der Zeit aber doch gut erlernten, anfänglichen Smalltalk. Interessanter können sich im Smalltalk viele aufgreifenswerte Inhalte verbergen. Im Grunde entspricht diese sich herantastende Kommunikation meiner subtilen, Deiner Aussage gemäß manipulativen, Art recht gut. Das erforderliche Geschick, den anderen beim Versuch, sich inhaltlich zu vertiefen nicht zu überrumpeln, geht mir aber heute noch manchmal ab. Manche nennen das socially awkward, ich betrachte es eher als Ungeduld gegenüber fremden Spielregeln. Ich kann sehr gut zuhören, mag aber nicht gerne vollgequatscht werden und wenn es meinerseits etwas zu sagen gibt, dann ist es existentiell für mich, dass es Hand und Fuß hat. Leeres Geschwätz bekommt mir nicht gut. Es ist sogar das eine oder andere Mal vorgekommen, dass ich mich nach einem Pflichttermin vollgepackt mit Blabla-Gesprächen zuhause ausgelaugt auf die Couch fallen und die Tränen laufen ließ. Dazwischen stimmte ich hier und da in das leise Lachen meines Menschen ein, denn meine Erklärungsversuche erschöpften sich in den immer wieder kehrenden Worten „Wie kann man nur so viel reden – wie ist es möglich, so viele Belanglosigkeiten am Stück von sich zu geben? Ich kann nicht mehr…ich kann nicht mehr…“.

Über Belanglosigkeiten also nähern wir uns einander an. Ich fühle mich Dir aber nicht nahe, sondern immer noch wie Dein uninteressant gewordener Spielball.
Es entsteht eine längere Gesprächspause. Mittlerweile hatte ich erkannt, dass solche nicht peinlich zu sein brauchen, wenn man sie als Chance begreift. Ich nehme einen Atemzug und noch einen, bereite mich auf das Unmögliche vor und stelle die Frage aller Fragen:

„Hast Du mir damals nicht geglaubt?“

Stille.

Entgegen der geläufigen Behauptung wird etwas mitnichten durch Wiederholung leichter. Mein Magen zieht sich zusammen, ich kann kaum atmen. Raus damit, einfach raus, raus – jetzt!

„Mom: hast Du mir damals nicht geglaubt?“

Du schaust mich an, Du schaust wieder weg und beginnst zu weinen.
Ich bringe keine weiteren Worte über die Lippen. Ich warte ab, beobachte Dich. Es sind dieselben Tränen wie damals. Sie gelten nicht mir.

„Was hätte ich denn tun sollen?“

Das war’s.
Ich bin wieder neun Jahre alt und ausgelastet mit unaussprechlicher Emotion. Es ist mir immer noch schier unmöglich, sie Dir in Worte gekleidet zu präsentieren. Du bist so voll von Dir selbst und mein aufgesetztes Pokerface scheint Dir Einladung zu sein, ein Solo aufzuführen. Mir wird schlecht. Ich entlasse Dich aus dieser Situation, als würde ich aus mitfühlendem Verständnis handeln. Dabei ist es mein eigenes Unvermögen, vor dem ich kapituliere.
Soviel älter geworden und nichts dazu gelernt.

So hielten wir über die Jahre wieder Kontakt und es änderte sich natürlich kaum etwas. Hier und da wurde es mal holprig angesichts der riesigen Berge unter dem Teppich, aber es lief irgendwie.

Manchmal habe ich das Gefühl, mein Kopf zerspringt in tausend Einzelteile, die ich in mühsamer Analyse versuche wieder zusammen zu setzen. Dabei bin ich der ungeduldigste Puzzleteer, den man sich vorstellen kann. Puzzles sollen meinen ruhelosen Geist entspannen, doch ich schaffe es nicht, mich länger als eine Stunde damit zu beschäftigen. Also kaufe ich dreihundertteilige Puzzles, damit ich in kurzmöglichster Zeit mit einem Ergebnis abschließen kann. Doch schnell zeichnet sich das fertige Bild ab und ich verliere schlagartig das Interesse. Ich mache mich selbst verrückt.

Es will mir einfach nicht gelingen, Dich so zu analysieren, dass ich einen Bezugspunkt finde, an dem ich anknüpfen kann. Immer und immer wieder resigniere ich vor geistiger Erschöpfung. Die Schuld kann ich aber nicht allein Dir zuschieben. Kürzlich erst machte mich eine Bekannte darauf aufmerksam, dass die mir einzig unbezwingbar gebliebene Neurose mich viel Kraft kostet muss: in einem unbedachten Moment hatte ich ihr meine ausgeprägte Arithmomanie gestanden. Unbedacht deshalb, weil es zu meiner Maxime geworden war, anderen gegenüber niemals Schwächen zu offenbaren. Sicher neige ich auf charakterlicher Ebene hierzu, doch meine Vergangenheit, vollgepackt mit den Themen Macht und Kontrolle, tut ihr Übriges.

Bevor ich das Ganze bis zur Unkenntlichkeit vergrübele, meldest Du Dich dann doch.
Meinen Brief lässt Du unerwähnt. Ich frage nach und Du antwortest, dass Du Dich selbst um Deine Probleme kümmerst, vielen Dank.

Gemäß meiner ersten Natur reagiere ich verständnisvoll. Schließlich habe ich es auch nie gemocht, wenn andere mir „gute Ratschläge“ einhämmern wollten, als handelte es sich um die Lebensanleitung par excellence.

Auf einer anderen Ebene aber spürte ich eine Zurückweisung, die ich als recht komplex empfand. Ich hatte hier versucht, von meiner Seite aus einen familiären Zusammenhalt zu demonstrieren, doch Du lehnst dies kategorisch ab. Vielleicht liegt es an der Tatsache, dass immer wenn Deine Mutter Dir geholfen hatte (mit 17 das erste Kind, mit Ende 20 die „Flucht“ nach Deutschland, mit Mitte 40 eine erneute Trennung und kurzfristige Wohnungslosigkeit), sie dies später nutzte, um Gegenleistungen zu verlangen. Dabei neigte sie in ihrer hochherrschaftlichen Art dazu, Dich wie eine Leibeigene ganz nah bei sich zu halten.

Vielleicht aber liegt tief in Dir doch ein Gefühl der Schuld mir gegenüber begraben. Es kann beim Menschen eine Abneigung hervorrufen, wenn der durch ihn Geschädigte augenscheinlich über ihm steht und beim Aufrichten helfen will.

Das Verständnis für das Menschliche, worunter die meisten oft nur das Gute verstehen, ist meine Achillesferse. Die meiste Zeit meines Lebens brachte es mir nur Ärger ein; das ehemalige Opfer wurde wiederholt zum Opfer seines sog. Gutmenschentums. Sorry, Welt, dass ich nicht so hartherzig geworden bin, wie es Mensch und Umstand manchmal verlangen. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass wir ehem. Opfer dazu prädestiniert sind ständig die Vielschichtigkeit der menschlichen Mechanismen abzuwägen.

Ich sehe mich nicht in der Lage, Dich und meinen Vater (und der Rest der Familie) schlicht als böse und schlecht zu klassifizieren. Auch bin ich mir nicht sicher, in wie fern es mich wirklich weiter bringt, Euch als schuldig zu bekennen. Dass mir dies schwer fällt mag ein Indiz dafür sein, dass ich immer noch nicht erwachsen werden will. In der Welt der Erwachsenen wird eine mir fremde Sprache gesprochen. Als Gerechtigkeit wird oft Strafe und Sühne verstanden – in der Hoffnung, dass sich andere ein Beispiel an den Verurteilten nehmen, soll die Logik der Angst sie zukünftig zu gerechtem Verhalten verleiten.

Doch kein Mensch ist unfehlbar und nicht alle sind von einem Gutmenschentum geprägt. Es wird immer wieder welche geben, welche sich ungerecht verhalten. Die kleinen Ungerechtigkeiten im Alltag werden selten thematisiert. Das große Unrecht bringt den Tätern mehr Aufmerksamkeit, als den Opfern, die man schnell wieder vergisst, während wir dazwischen uns wieder den süßen Seiten des Lebens zuwenden. Natürlich braucht es die regelmäßige Auszeit, um nicht völlig irre zu werden.
Wer bin ich schon, um darüber zu urteilen. Zu meinen Auszeiten gehört auch die Verdrängung, insofern war mein Anteil daran womöglich größer.

Fehlt mir wirklich eine Entschuldigung von Dir? Nein.
Was mir abgeht ist Deine ehrliche Zuwendung, das Interesse und die Anteilnahme an mir und meinem Leben. Erkenntnis und Annahme meiner eigenen Persönlichkeit. Dies sind die Dinge, die dazu verhelfen könnten, dass meine Wunden endlich heilen.

Ich möchte heulen, wenn ich erkenne, dass das Selbstbewusstsein und –vertrauen und die Zuversicht anderer sich hauptsächlich aus dem nährt, was ihnen in jungen Jahren mitgegeben wurde. Unperfekte Zeichnungen wurden als das gesehen, was sie wirklich waren: die vollbrachte Tat eines ersten Versuchs. Ich möchte Rotz und Wasser von mir speien, weil ich niemals auch nur für eine Sache gelobt wurde und ich anscheinend zu sensibel war, um dies innerlich auszugleichen.

Ich werde wütend, wenn andere über genau die gegenteilige Sorte Eltern lachen. Ja, vielleicht übertreiben sie es hier und da mit ihrer Lobpreisung. Doch eines steht fest: diese Kinder sind Glückspilze, denn sie werden sich als Erwachsene nicht unentwegt peinigen müssen, um auch nur ein annähernd gutes Gefühl für sich selbst rauszuschlagen.

Ich hasse den Gedanken, dass ich von Dir abhängig war. Ich hasse es, nicht schon als Erwachsene auf die Welt gekommen zu sein. Ich hasse es, dass ich dazu gezwungen wurde, viel zu früh erwachsen zu werden. Für einen Teil von mir trifft dies zu, der andere Teil gibt sich abwechselnd stumm und wütend gegenüber der Beschissenheit des Lebens bzw. meiner Umstände.

Ich bin wütend darüber, dass es so viel Mühe kostet, mich nicht ständig selbst klein zu machen. Und dann noch die Kraft aufzubringen, mich selbst aufzubauen. Sobald man sich klein macht und gibt, wittern die Hyänen ihre Chance, den am Boden Liegenden aufzufressen. Ich habe mich immer an den falschen Orten den falschen Menschen gegenüber schwach gezeigt. Umgekehrt demonstrierte ich an unpassender Stelle Kraft und Macht. Es gab kein passendes Lager für mich.

Manchmal bin ich so ermattet von alldem, dass ich phasenweise völlig außer Gefecht gesetzt werde.
Dann heißt es wieder sich zusammenreißen und weiter machen oder von vorne beginnen.

Ich muss meine Wut unter Kontrolle behalten, sonst macht sie mir alles zunichte.
Ich muss meine Wut raus lassen, sonst frisst sie mich auf.
Ich muss meine Wut kanalisieren, sonst fehlt mir die Kraft, halbwegs etwas zuwege zu bringen.

Das eine ist das Erbe meiner Eltern. Das andere ist einfach nur Pech, mit den charakterlichen Anlagen geboren zu sein, die mir einen erschwerten Umgang damit bescheren. Das ist mein Teil der Verantwortung und dafür könnt Ihr nichts.

Genauso wenig kann ich an dem Erbe Deiner Eltern etwas ändern noch einen Teil Deiner eigenen Verantwortung übernehmen. Dann komm damit eben alleine klar. Kümmere Dich um Deine Probleme und vergiss die, die ich auch Dir zu verdanken habe. Ich bin dankbar dafür, dass ich nicht die „Freiheit“ habe, mich derart von der Verantwortung anderen gegenüber zurück zu ziehen. Mein Ziehsohn bedarf meiner täglichen Zuwendung, ohne ihn wäre ich vielleicht im selben Sumpf wie Deinem gefangen. Dich hat die Anwesenheit Deiner Kinder aber auch nicht davon abgehalten, entfernt zu bleiben. Heute betonst Du, jeden Abend nach der Arbeit für uns gekocht zu haben, betrachtest dies als große Mutterleistung. Ich glaube sogar, dass es für Dich so war. Sollte ich Dich deshalb verteufeln? Das tue ich nicht, doch mein Mitleid hält sich in Grenzen. Es schmerzt mich zu erkennen, dass Du nicht die Chance gesehen und ergriffen hast, an Deinen Kindern zu wachsen.

Als wir meinen Ziehsohn in unsere Mitte aufnahmen, tat ich dies nicht leichtfertig. Ich hatte Angst vor dem Scheitern an der Verantwortung, Angst um meine Partnerschaft und davor, Gelegenheiten zu verpassen, ihm das richtige mit auf den Weg zu geben. Naturgemäß stellte ich an mich selbst hohe Anforderungen. Glücklicherweise hatte ich meinen Menschen, mit dem ich über all das im Voraus und zwischendurch immer wieder offen sprechen konnte.
Dies hattest Du nicht.

Du hattest keinen verständnisvollen Menschen an Deiner Seite und ich kann nicht umhin zu bemerken, dass Du unbewusst immer das Gegenteil anzogst. Aus Dir war das geworden, was man solchen mit meinem Hintergrund oft attestiert: dass sie irgendwie immer Opfer bleiben und ihre negativen Beziehungsmuster sich endlos wiederholen.

Ich hatte nie nennenswerte Probleme mit Männern. Die Struktur meiner Beziehungen zu ihnen ließen keine leichtfertigen Rückschlusse auf meine Vergangenheit zu. Dafür fühlte ich mich im Umgang mit Frauen oft überfordert. Aufgrund der vielen Umzüge in meiner Kindheit (es waren an die sieben in den ersten zehn Lebensjahren) wurde es mir erschwert, dauerhafte freundschaftliche Bindungen zu bilden und aufrecht zu halten.

Die schönste Zeit war im Golden State. Auch wenn es dort angefangen hatte, alles andere war wirklich golden. Dort verbrachte ich die längste Zeit, zwei Jahre am Stück, und ich liebte es. Ich hatte Freundschaften geschlossen die so verliefen, wie es eben typisch war: diverse gegenseitige Übernachtungen, Geburtstagsparties, gemeinsame Kinobesuche. Die weiten Felder eines Vorvororts, der ganz eigene Duft vom frisch geschnittenen Gras, die (multinationalen) Nachbarsfreunde, mein erster Freund, der direkt gegenüber meiner Tante wohnte, die Familie meiner Tante, die Schule, die unglaublichen Spaß machte und die eine Empfehlung für die Begabtenklasse aussprach, L. A. Law, die Leute, das Wetter, die beste Halbinsel der Welt… Es gab ein sehr gutes Sozialgefüge und niemand nahm Anstoß daran, wenn ich die Schulpausen auch mal dafür nutzte, alleine auf dem Basketballfeld zu üben. Wenn ich jemals das Gefühl einer Heimat gehabt hatte, dann war es dort gewesen.

Nach unserem Fortgang ging alles nur noch bergab. Mein geliebter kleiner Pete wurde überfahren (Du musstest festhalten, dass er diesmal schuld war, nachdem Du ein Jahr zuvor unsere Mindy überfahren hattest), die Menschen waren ganz anders, die Schulregeln sehr restriktiv und er ging ein paar Schritte weiter, die äußerst schmerzhaft waren. Ich kam zur Pflegefamilie und Du hattest Angst davor, dass er deshalb ins Gefängnis käme und wir mittelos dastünden.
Dort fing alles an, traumatisch zu werden.

Ich weiß, auch Du bist traumatisiert. Und während ich weitestgehend Verständnis dafür aufbrachte, gab es künftig kaum jemanden, der solches für mich hätte aufbringen können / wollen.

Aus heiterem Himmel rufst Du an.
Obwohl ich im Stress bin, weil Junior so freundlich war, mir kurz zuvor mitzuteilen, dass er am nächsten Tag etwas Selbstgebackenes (und bei meiner Bäckerehre, Selbstgebackenes beinhaltet keine Fertigprodukte) mit in die Schule nehmen muss, nehme ich den Anruf entgegen. Ein Riesenfehler.

Es ist schon Abend und somit klar, in welcher Verfassung Du Dich befindest. Ich kann damit nicht umgehen, nicht jetzt. Es stellt sich heraus, dass Du Dich nicht in Todesgefahr befindest und ich sage Dir, weshalb ich genau in diesem Moment nicht genug Zeit für ein Gespräch habe. Es schert Dich nicht, Du schwadronierst einfach weiter.

Und dann lässt Du den Hammer fallen.
Ich soll Dir sofort, hier und jetzt von allen Vorfällen mit ihm berichten.

Nicht nur, weil ich mit gleichzeitig mit Backutensilien hantiere fällt mit der Hörer fast aus der Hand. Wie – jetzt und einfach aus dem Nichts heraus? Wie kommst Du gerade jetzt darauf? Du sagst, es schwebe schon so lange im Raum und Du willst es jetzt endlich wissen. Ich verkneife mir die provokante Bemerkung, dass ich mit der Erfahrung der mir damals abverlangten, physisch orientierten Schilderung bereits bedient bin. Das ist für Dich längst vergessen.

Doch warum jetzt und sofort?
Weil Du zwischenzeitlich eine Therapie begonnen hast und dies mit in das Gespräch nehmen möchtest.

Natürlich widerstrebt es mir zutiefst, ohne Vorwarnung aus heiterem Himmel darüber zu sprechen. Wie stellst Du Dir das denn vor, dass ich Dir zwischen Tür und Angel alles bis ins Detail schildere – am Telefon?!

Du gibst Dich bockig wie ein trotziges Kind, doch ich bleibe standhaft.
Ich sage Dir, dass ich es nicht gerade förderlich finde, die Sache so anzugehen und dass dies genau dem entspricht, was ich Dir vor nicht allzu langer Zeit schon einmal sagte und sogar schrieb.
So nicht. Nicht mit Druck und Zwang und ganz sicher nicht allein zu Deinen Bedingungen.
Du bleibst still.

Ich hasse Deine Stille, sie kotzt mich an. Immer nur Stille, Stille, Stille. Ich nehme den Hörer kurz vom Ohr, halte ihn vors Gesicht und brülle eine Monsterwelle stiller Wut hinein.

Dann fragst Du in nölend-fordernder Stimmlage, wann ich denn Zeit hätte.
Oh, Himmel. Da kommt fast dreißig Jahre später endlich eine Interessensbekundung und Aufforderung – und ich sperre mich.

Ich. Kann. Nicht.

Allein die Vorstellung, Dir wieder gegenüber zu sitzen und von all den unaussprechlichen Dingen zu berichten, bewirkt bei mir nicht nur ein mulmiges Gefühl, sondern regelrechte Übelkeit. Nicht einmal die Zähne bekäme ich auseinander. Ich habe Deine Stille übernommen und es macht mich rasend. (Doch ich weiß ja, warum. Du würdest wieder nur heulen, heulen und nochmal heulen. Und für mich würde dabei nichts abfallen).

Ich bin genervt und antworte, dass ich nicht weiß, wann ich Zeit habe, ich würde mich dazu wieder melden. Abschließend stellst Du in Aussicht, dass ich es Dir auch schreiben könnte.

Man müsste meinen, dass mir das eher läge.
Aber ich muss darüber nachdenken. Ich kann Dir vorab schon versprechen, dass nicht das rauskäme, was Du Dir vielleicht vorstellst. Sicher würden es keine besonders plastischen Beschreibungen werden, das wäre mir zutiefst zuwider. Allzu nebulös sollte es auch nicht sein. Ich weiß es nicht. Vielleicht kaufe ich mir eine Kiste meines Lieblingsweins, setze die Kopfhörer auf und schließe mich zum Schreiben ein. Wir werden sehen.

Unvollendet…

7 Gedanken zu “BadM #3

  1. ..ich hoffe, du verstehst meinen gefällt-mir-klick nicht verkehrt… Wie hat mal jmd so treffend formuliert: „wenn wir nicht krank wären, würden wir nicht bloggen“ …wobei ich HSP und anderes für mich zutreffende nicht als krank bezeichnen würde…eher als …anders eben. Das was Du schreibst, geht unter die Haut und ich kann mehr als genug nachvollziehen. Mach einfach weiter…der Weg, …Du weißt schon ❤ drück Dich

    Gefällt 1 Person

      1. was ich für mich sagen kann, es fällt mir schwer, einen Kommentar zu schreiben. Du schreibst wirklich interessant, und sehr persönlich. Andererseits sind wir Leser alle Fremde und Du gibst Einblick in Dein Leben. Ein intelligenter Leser ist da vorsichtig, was er schreibt! Und ich habe das Problem „gefällt mir“ anzuklicken, wenn der Inhalt mir von der Sache her nicht gefällt, weisst Du, was ich meine? Von der Art, wie DU schreibst, kann ich Dir immer ein „gefällt mir“ geben, tue ich auch ab jetzt, wenn Du verstehst, was ich meine 😉

        Gefällt 2 Personen

      2. Ich habe eben gesehen, dass Jules Dir folgt. Er bloggt schon seit über 10 Jahren und ist sehr nett. Ihn kannst Du bei Problmene sicher fragen, er weiss sehr viel mehr als ich !

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