BadM #2

Nun ist er raus, eine Art Interventionsbrief an Dich und es ist nicht mehr aufzuhalten, dass seine Zeilen Dein Bewusstsein erreichen – solches vermag nur der nächste Rausch. Ich musste ihn schreiben, das Reden hatten wir ja nie gelernt. Es ist nicht mal sicher, ob Du dieses Schriftstück aufbewahrst. Denn dann hättest Du nichts mehr in der Hand und genau das entspräche Deinem nie endenden Selbstmitleid. Es bin auch nur ich, die Dir zu Hilfe eilt und wir ja wissen beide, was das zählt. Bleibt nur zu hoffen, dass Du Dich letztlich mit dem Spatz in der Hand zufrieden gibst.

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe mache. Ich ringe mit dem inneren Schweinehund, denn ein Teil von mir hat überhaupt keine Lust, sich der Sache anzunehmen.

Verreck doch.

Bevor Sie weiterlesen! Ein kleiner Warnhinweis:
Folgender Text (als fiktiver Brief an die Mutter „BadM„) behandelt eine traumatische Kindheit, welche auch den se*uellen M*ssbr*uch beinhaltet.

Wie wünschte ich mir, so fühlen oder wenigstens denken zu können. Doch dazu müsste ich Dich hassen, und das kann ich nicht. Die logische Schlussfolgerung wäre, dass Du mir vollkommen gleichgültig bist.

Vielleicht aber geht mir auch einfach nur das Belohnungsprinzip ab. Es ist ja nicht so, als würde ich durch Deine Gesundung etwas wieder erlangen. Da war ja nie etwas.

Womöglich ist es Trotz.
Du hast, verdammt noch mal, auch nichts für mich getan, nie gekämpft und hinter mir gestanden. Sicher, ich hatte ein Dach über den Kopf, Kleidung, Essen – und das Privileg zu wissen, was
„A house is not a home“ wirklich bedeutet. Einen Scheiß hast Du für mich getan, für Dich aber fühlte es sich an, als hättest Du Dir ein Bein ausgerissen. Warum sollte ausgerechnet ich Dir helfen?

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich während des Schreibens unwillkürlich seufzen musste. Wer, der alle Sinne beisammen hat, würde ernstlich dem Buckligen sein mangelndes Stehvermögen zum Vorwurf machen?

Von stiller, passiver Rache kann auch keine Rede sein. Denn Dein Leben und vor allem die letzten Jahre zu betrachten, heißt erkennen, dass Du schon lange in deiner persönlichen Hölle lebst. Ich weiß, dass es niemandem nützt, doch wenn wir das Ganze mal objektiv betrachten, dann müsstest auch Du zu dem Schluss kommen, dass es um meiner Aufzucht weitaus schlechter bestellt war. Deine Mutter liebte Dich nicht- ach nein, Du Arme.

Weißt Du, meine Mutter hatte auch nicht viel für mich übrig, sie ließ einfach alles geschehen und brachte ihn über uns alle. Mir wurde nicht nur die Unschuld genommen, ich war darüber hinaus auch noch der großmütterlichen Gnade ausgesetzt.

Manchmal tut es mir ein wenig leid, dass Dir der erleuchtende Moment noch abgeht – meinen hatte ich bereits im zarten Alter von neun Jahren. Sollte ich schon viel früher um die menschliche Realität gewusst haben, Deine Mutter setzte ihr die Krone auf. Wie es um ihren Charakter bestellt ist, wurde mir nach einer für mich eingangs völlig harmlosen, doch letztlich kompromittierenden Situation klar. Du erinnerst Dich, wie immer, sicher nicht mehr:

Es war ein Mal ein kleines, seelisch verwahrlostes Mädchen, das sich eines Nachmittags aus dem großelterlichen Fenster lehnte. Ihre Hände griffen nach einem Draht, der als Halterung für Blumenkästen diente und mit seiner Hilfe sie sich immer wieder vor und zurück wiegte, während dessen sie eine leise Melodie vor sich hin summte.

Rollercoaster hasste ich von jeher, dieses Spiel jedoch war für mich das höchste der Gefühle, vor allem deshalb, weil ich dabei die vollständige und alleinige Kontrolle behielt. Es hatte etwas Beruhigendes.

Deine Mutter allerdings interpretierte das Ganze als das Verhalten einer Verdorbenen; Körpergestik gepaart mit unbestimmten Lauten – die perfekte Beweislast für ihr subjektives Bild. (Meinetwegen musste sogar umgeschaltet werden, sobald der damals grassierende Lambada über den Fernsehbildschirm tänzelte.)

Es erwischte mich eiskalt, als sie mich in Deinem Beisein zur Rede stellte. Ich versuchte mich zu erklären, erntete aber nur eine einzige Frage Deinerseits „Willst Du etwa sagen, dass Oma lügt?“.

Nein, das wollte ich nicht. Doch ich glaube, sie wollte die Wahrheit für sich pachten. Ihre Wahrheit sah mich augenscheinlich als Aufmerksamkeit erheischende, kleine Lolita vor.

Oh, und wie ich mir Deine Aufmerksamkeit wünschte!
Bevorzugt eine liebevolle und wohlwollende Zuwendung. Doch wurde sie mir, gleich was ich auch tat, nie gewahr.

Ob es der Hausputz nach der Schule war, damit Du es, wenn Du zwischen Deinen zwei Jobs nach Hause kamst, schön hattest und Dich mal ausruhen konntest.

Oder ob ich Dir die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagte. Als es raus kam. Deine erste Handlung, bevor ich die Reise zur ersten Pflegefamilie antreten musste, war es, Dich auf das Sofa zu legen und mir zu befehlen, Dir alles zu zeigen, was er mir beliebte zu befehlen. Ich wurde aufgefordert, mich auf Deine Beine zu setzen, um vergangene Aktionen zu veranschaulichen, die teilweise derart schmerzhaft waren, dass ich mich förmlich aus meinem Körper beamte.

Mir ist immer noch nicht klar, weshalb Du damit den brutalsten aller Wege wähltest. Du zwangst mich zu etwas zu tun, wogegen sich alles in mir versperrte und versetztest uns in die Rolle des Täters und Opfers zugleich. Das dabei entstandene Gefühl bleibt bis heute unbeschrieben. Er hatte es getan, aber aufgrund Deiner Haltung dazu hatte ich mich weder zuvor noch jemals danach so widerwärtig gefühlt.

Doch weißt Du, ich habe Dir damals nicht alles gesagt bzw. gezeigt. Diesen endlosen Moment in all seiner Unerträglichkeit hätte ich um nichts noch mehr in die Länge ziehen wollen, und so warf Dir nur ein paar Brocken hin. Ich sagte zwar die Wahrheit, behielt das Meiste aber für mich. Du weißt noch lange nicht alles. Das willst Du auch -bis heute- gar nicht.

Vielleicht begründete dies den Verdacht einer Übertreibung meinerseits. Andere Kinder erleben viel Schlimmeres und machen darum auch kein großes Aufheben.

An eine Situation kannst Du Dich bestimmt erinnern; Dein Gedächtnis neigt ja weniger zur Lücke bezüglich der Momente, in denen ich Dir den letzten Nerv raubte.

Ich zwängte mich eines Tages in die Windel meiner Cabbage Patch Kid-Nachahmung und krabbelte, das pflege- und schutzbedürftige Baby gebend, zu Deinen Füssen. So versuchte ich Dich dazu zu bewegen, Dich auf diese Art um mich zu kümmern, mich so richtig zu bemuttern. Natürlich warst Du, Trommelwirbel, von meinem Gebaren genervt, fühltest Dich regelrecht davon abgestoßen.

[Zum Teil gehst Du Recht in Deiner Annahme, dass Kleinkinder so etwas nicht bemerken, besitzen sie doch eine natürliche Selbstbezogenheit, die an Ignoranz grenzt. Allerdings tappst Du damit in Deine eigene Falle, hast Du diese emotionale Ebene doch selbst nie verlassen. Womöglich war und bin ich auch nur über die Maßen feinfühlig. Deine kühle Distanziertheit (die ich heute leider oft präsentiere und für die ich mich selbst hasse) im Wechsel mit ausdrücklicher Abneigung („Rück mir nicht so auf die Pelle“ – auch das, Himmel hilf, trage ich manchmal mit) und Deiner irritierenden Angewohnheit, freundliche Äußerungen Dritter meiner Person gegenüber herab zu würdigen (das, wem oder was auch immer sei Dank, gehört nicht zu meinem Spezialgebiet) – es gab nicht eine Nuance, die mir verborgen geblieben wäre.]

Nach einigen erfolglosen Zurechtweisungen ignoriertest Du mich schlichtweg, ich aber verließ meinen Sitzplatz mitten auf dem Küchenfußboden noch nicht. Die Beine von mir gestreckt musstest Du bei den Vorbereitungen für das Abendessen um mich herum hantieren. Irgendwann blieb mir nur die Kapitulation und so krabbelte ich zurück in mein Zimmer. Bei meinem späteren Gang zum Esstisch nahm ich eine große, schleimige Portion Scham mit, der mir jeglichen Appetit verdarb.

Dir dürfte bis heute nicht bekannt oder bewusst sein, dass die beschriebene Situation tatsächlich nicht das normale Spielverhalten einer Siebenjährigen widerspiegelt. Und dass man es zwar nicht getrost, aber relativ zielsicher in nur eine Richtung interpretieren kann.

Schließlich machte es überhaupt keinen Unterschied, wie und womit ich um Deine Zuwendung buhlte, also hörte ich irgendwann auf, überhaupt irgendetwas zu sein.

Als der Therapeut, zu dem Du mich schlepptest, zuerst mit Dir, anschließend mit mir sprach und feststellte „…Du hast mir gerade ungefähr dasselbe erzählt, wie zuvor Deine Mutter, also glaube ich Dir erst mal…“, hörte ich auf, an Menschen zu glauben.

Ich absolvierte einige Stunden bei dieser Fachkompetenz und brachte die meiste Zeit mit irgendwelchen Kritzeleien und Keramikarbeiten zu. Man schaue nur auf das gefällige Verhalten und vor allem das Bild mit Haus, grüner Wiese, Blumen, Bäumen und einem Bach. Mit dem Kind war alles in Ordnung.

So sprach auch nichts gegen die Rückkehr zu ihm, nach der zuvor überstürzten Flucht über den Atlantik. Als er mich mal alleine erwischte und mir allen Ernstes die Frage stellte, weshalb ich denn gelogen hätte, erlebte ich zum ersten Mal das, was ich gefühlsmäßig als Mindfuck einordnete. Ich hörte auf, an mich selbst zu glauben.

Letztlich habt Ihr Euch doch scheiden lassen. Seine zur Schau gestellte Zurückhaltung uns Kinder gegenüber, ein paar Strafen und Schläge weniger, schlug in Deiner Gegenwart um. Bevor ihm die Gelegenheit gewahr wurde, Dich windelweich zu prügeln, zogst Du die Konsequenz. Nicht unseretwegen, sondern allein Deinetwegen hattest Du ihn verlassen. Erst als Du an unserer statt dran glauben musstest, gabst Du ihn auf.

Auch wenn uns bis heute nichts außer Dein Blut verbindet, Trauer und Groll über das endgültige Verlassen unserer Herzensheimat war dem Bruder und mir gemein.

Von meinen gelegentlichen, überbordenden Wutausbrüchen abgesehen blieb ich auch während der Pubertät die „Pflegeleichte“. Mit meiner ansonsten zurückgezogenen, subtilen Art wusstest Du nichts anzufangen, zumal das schwer erziehbare Verhalten meines Bruders nicht viel Raum für Verständnis übrig ließ. Im Widerspruch steht, dass ich Dir als ausgesprochene Zicke in Erinnerung bleibe – vom Schreibaby angefangen bis ins Erwachsenenalter hinein. Und ich wahre die Erinnerung an Deiner bevorzugten Reaktion, die Abwendung.

Du sahst auch nicht den Hauch eines Potentials, das einer Förderung würdig gewesen wäre. Im Gegenteil. Nachdem bei Deinem Halbbruder Schizophrenie diagnostiziert wurde, hattest Du es recht eilig einen Vergleich zu meiner psychischen Disposition zu ziehen. Dass ich „komisch denke“ attestiertest Du mir schon früh – im Grunde das Netteste, was Du jemals über mich äußertest / zu mir sagtest.

Apropos komisch. Ich erinnere mich gerade, wie Du mir vor eiigen Jahren ständig wegen Deinen Freundinnen in den Ohren lagst. Ich konnte nicht umhin zu bemerken, was für komische Freunde Du doch hast. Meine Definition von Freundschaft ist ziemlich ernsthafter Natur – das Verhalten Deiner Freunde war einfach nur beschissen und unhaltbar. Deine Entgegnung ärgerte meinen Menschen maßlos, mich ließ sie jedoch völlig kalt: „Lieber komische Freunde, als gar keine“. Wahrscheinlich sollten Mütter so etwas nicht sagen. Du weißt um meine Erfahrungen mit sog. Freundinnen, und doch konnte Dein Spruch mir nichts anhaben.

Ach, warum kann ich Dich nicht einfach hassen, es würde vieles vereinfachen.
Ich stelle mir vor, ganz im cineastischen Stile a la Carrie, wie ich einfach alles über Dich hereinbrechen lasse. Doch das perfekte, ahnungslose Opfer gibst Du schon heute, es bleibe also eine recht langweilige Angelegenheit. Das meiste von dem, was mir seit einer Ewigkeit bis ins kleinste Detail als Dauerschleife durch den Kopf kriecht, hast Du schon lange vergessen. Ich weiß, dass der Dauersuff seinen Teil daran hat. Aber schon lange davor war es Dir schlichtweg egal, wie es mir ging.

Mich hast Du hast immer von Dir gestoßen.
Von Deiner Krankheit weiß ich heute nur, weil mein Mensch mehrere stundenlange Telefonate während Deines Vollrausches mit Dir führte. Manchmal wünschte ich mir, er hätte es gelassen. Doch bin ich sein Mensch und Du mein Blut; so steht es für ihn außer Frage, sich zu kümmern. Du mochtest ihn zu Beginn nicht einmal und heute scheint er der Einzige zu sein, der Dir den Kopf waschen kann und darf. Er tat es vor Jahren schon einmal (eine Kopfwäsche kann durchaus sanft sein, doch für Dich ist es immer so, als würde Stahlwolle eingesetzt) und die Quittung ging anschließend an mich. Denn Du verdarbst mir nicht nur den Dreißigsten, sondern schenktest mir darauf noch eine Schweigebehandlung, sprachst ein halbes Jahr nicht mit mir.

Damals wolltest Du Dich an meinen Geburtstag nicht einmal blicken lassen, um lieber einer Einladung Deiner Mutter zu folgen. Erst so erfuhren wir davon, dass Du wieder Kontakt zu ihr aufgenommen hattest. Dabei tat es Dir so gut, sie nicht mehr in Deinem Leben zu haben. Du legtest die zwanzig Kilometer zwischen uns mit dem Fahrrad zurück, sahst blendend aus und warst die Lebensfreude selbst. Wir unternahmen zwei gemeinsame Ausflüge und ich hätte den Besuch einer malerischen niederländischen Hafenstadt sogar in den Stand einer Tradition erhoben.

Dich aber plagte das Schuldgefühl Deiner Mutter gegenüber als auch die Sehnsucht nach einer Bilderbuchbeziehung zu ihr. Das, was wir hätten haben können, war Dir nicht genug. Wie alles andere habe ich versucht, dies nicht persönlich zu nehmen. Wozu auch, es hatte ganz und gar nichts mit mir zu tun, sondern immer nur mit Deinen aus Kindertagen übrig gebliebenen Befindlichkeiten, von denen Du Dich bis heute beherrschen lässt.

Dazugelernt hast Du rein gar nichts.

Als wir uns vor einigen Wochen auf einen Kaffee trafen, eröffnete ich Dir mein Wissen um Deine Krankheit (Du hattest es im Telefonat mit meinem Menschen gestanden und fast wieder vergessen). Meine Frage, ob Du eine Therapie machen möchtest, verneintest Du vehement, stelltest aber gleichzeitig die Möglichkeit einer Familientherapie in den Raum. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als abzulehnen, grenzte es doch fast an Erpressung. Es geht in erster Linie um Deine Gesundheit – willst Du diese tatsächlich von meiner Mitwirkung abhängig machen und mich in die Verantwortung nehmen?

Es würde außerdem niemand einen Therapieplatz an Dich vergeben, solange Du nicht stabil, also nüchtern, bist. Ein Entzug wäre also unvermeidbar. Da dieser aber in der Regel in einem therapeutischen Rahmen stattfindet, lehnst Du auch ihn ab.

Du dachtest immer, Du wärst wie Oma und ich wäre wie Du, das Päckchen würde immer weiter getragen. Diese innere Rechtfertigung hat Deine Sicht auf mich vernebelt, gekannt hast Du mich nie. Deshalb hattest Du auch meine konsequente Haltung glatt fehl gedeutet. Ich sagte Dir, dass ich (nach einem unlängst selbst erlebten Nervenzusammenbruch) dabei wäre, meine Dinge zu klären und nicht in der Lage sei, mit Dir umzugehen so lange Du Dich einer Änderung verweigerst.

Deine Antwort, serviert mit eiskalten, giftgrünen Augen: Ich renne Dir nicht hinter her.

Nein, das könntest Du auch gar nicht. Niemand kann in entgegen gesetzte Richtungen laufen und Du rennst ja schon Deiner Mutter hinter her.

Doch bereits wenige Wochen später rufst Du samstagvormittags an. Nachdem zunächst niemand erreichbar ist, klingelst Du Dich sogar bis zu Deinem Ziehenkel durch, der bei einem Freund übernachtet hatte. Es erscheinen zig Nachrichten auf allen Displays und als mein Mensch Dich zurückruft, hört er als erstes ein laut lallendes „Was ist denn bei Euch los, wieso erreiche ich niemanden?!“ Die Info, dass ich bei einem meiner Hospiztreffen bin, haut Dich schier aus den Socken.
Du glaubst, es sei Euer Blut, das durch meine Adern fließt? Das mag zutreffen, doch es gehört Euch nicht und Ihr diktiert nicht die Flussrichtung. Tatsächlich, Deine Tochter bekleidet ein Ehrenamt, setzt sich sogar mit des Menschen größte Urangst auseinander. Das hättest Du nicht gedacht, was? Es überrascht und schockiert Dich, doch die Gewissheit, Deine Tochter nie gekannt zu haben, löst weder Trauer noch Bedauern in Dir aus. Solche Empfindungen sind ausschließlich Dir und Deiner Mutter vorbehalten.

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass ich meine Vergangenheit und Deine Beteiligung daran ganz für mich alleine aufarbeiten muss. Du hast die Hälfte vergessen, verdrängt und fällst aus allen Wolken, wenn mein Mensch während Eures Gesprächs Dinge benennt, die ich mir als Neunjährige auch bei blühendster Phantasie nicht hätte ausdenken können. Dann fragst Du, ob es nicht irgendwann genug sei mit dem Thema, weshalb es denn immer wieder durchgekaut werden müsse.

Dabei haben wir beide niemals, nicht ein einziges Mal, miteinander darüber gesprochen.
Wie denn auch, nachdem sie das Redeverbot aussprach, konntest Du in Deiner ihr treuen Untergebenheit nicht anders, als ihrem Befehl Folge zu leisten.

Niemand sprach darüber, erst recht nicht mit mir. Auch nicht nach meinen damaligen Versuchen, mich einer „Freundin“ anzuvertrauen – jede einzelne von ihnen (es blieben nur wenige, ich bin schließlich kein Masochist) zog anschließend los, um mein Dasein zur Klatschgeschichte zu degradieren. Es war in aller Munde, die „Freundin“ suhlte sich in ihrer neu gewonnenen Popularität. Tuschelei bestimmte die Tagesordnung, sodass gar einmal die Klassenlehrerin sich zu einer Unterredung mit mir veranlasst sah. Ich wurde gebeten, solche Geschichten nicht mehr zu verbreiten, weil ich den anderen Kindern damit Angst machte.
Mein allererster Versuch (und mein erster Brief) verschaffte der „Freundin“ sogar soz. einen Status als Kronzeugin; es kam allerdings nie zu ihrer gerichtlichen Vernehmung und so gingen ihr die spannenden Storys denn bald aus. Eure Konsequenz mir gegenüber war nur Strafe, ich wurde buchstäblich geohrfeigt und durch die anschließende emotionale Verbannung lernte ich, dass Aufmerksamkeit nur grausam sein kann.

Das Exil ist heute mein Zuhause. Dir wird der Zutritt nicht per se verweigert, es ist nur so, dass dort schlicht keine Kapazität vorhanden ist für eine Präsenz wie die Deine. Ich muss lernen, eine Hauptrolle in meinem Leben zu übernehmen. Deine Selbstsucht ist nur aus der Ferne ein guter Lehrmeister.

Bisher betrachtete ich die fehlende Möglichkeit, die Vergangenheit mit Dir persönlich aufarbeiten zu können, als großes Dilemma. Doch weder kann ich warten, bis Du genesen bist. Noch kann ich erwarten, dass Du Dich dann wieder erinnerst oder um Meinetwillen dazu bereit wärst. Also bleibt mir nur dieser Weg zur Aufarbeitung.

Es ist, als befänden wir beide uns in einer Kreisel mit nur einer Ausfahrt. Ich will nicht mehr in der Dauerschleife gefangen sein, will überall hin und viel mehr sehen, als nur die Vergangenheit.

Diese Briefe an Dich stelle ich mir wie eine Vorbereitung vor. Derzeit komme ich Dir aus entgegengesetzter Richtung entgegen und kann folglich gar nicht anders, als zu Dir zu schauen. Gleichzeitig suchen meine Augen nach der lang ersehnten Abbiegung in eine neue Welt. Ich weiß, dass sie irgendwann erscheint und will sie nicht verpassen, weil ich nur auf Dich fokussiert war. Ich will und werde abbiegen, und einen anderen Weg gehen.
Meinen.

Unvollendet…

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