BadM #1

Von klein auf von einem Ort in den nächsten verpflanzt, über Landesgrenzen und den Atlantik hinaus, mal hier, mal dort, selten länger als ein Jahr, hangelte ich mich durch den Dschungel voll toter Wurzeln, die Deinen Rockzipfel säumten…Tochter einer unehelich Geborenen, die ihr Sehnen nach Liebe heute im Alkohol zu ertränken sucht.

Bevor Sie weiterlesen! Ein kleiner Warnhinweis:
Folgender Text (als fiktiver Brief an die Mutter „BadM„) behandelt eine traumatische Kindheit, welche auch den se*uellen M*ssbr*uch beinhaltet.


Von Beginn an schwimmst Du ohne jegliche Ausrüstung; ausgerechnet jetzt geht Dir die Puste aus und niemand sonst wirft Dir einen Anker zu. Der totale Kontaktabbruch muss vertagt werden. Jetzt, da ich mich endlich lösen wollte von diesem unerträglichen Bild einer Mutter, die Du hättest sein sollen, stellt sich mir Deine Rettung in den Weg.

Großes ungeliebtes Kind, das Du bist, wanderst Du noch heute freiwillig durch die verlorene Landschaft, der Du per Geburt ausgesetzt wurdest. Versunken in einem Krater voll Rauchschwaden, die Dich magisch anziehen auf Deiner verirrten Suche nach Wärme – da, ein Zeichen! Doch wieder und wieder deutest Du sie falsch; unzählige Wolken später fügst Du Dich noch immer nicht ihrer ätzenden Wahrheit. Meine letzte Hoffnung ist, dass sich mit dem Tod Deiner Mutter der Schleier für Dich lüftet und Du endlich klar siehst.

Deine Mutter. Nach Deiner Geburt überließ sie Dich Deiner Großmutter und zog los, um sich einen jungen Akademiker zu angeln. Deine glücklichsten Jahre wurden zum Denkmal, als sie Euch entzweite und Dich aus den ihr verhassten, gewöhnlichen Verhältnissen riss. Vor Deinen Augen verkam sie zum Mutterersatz, Deine innige Liebe zur Großmutter übersetzte ihr kaltes Herz in Undankbare. Damals schnitt sie ihren Schandfleck von Mutter aus allen Fotografien heraus, heute quält sie Dich mit üblen Nachrufen auf selbige.
Nachdem ihre Mutter starb, musste die Projektionsfläche neu ausgerichtet werden und siehe da, ich passte perfekt ins Bild. Jäh wurde die als lebhaft attestierte Phantasie zum Aushängeschild eines verdorbenen Apfels, den sie ein paar Stämme zurück schleuderte.

Hatte er uns etwa nicht misshandelt und missbraucht, uns psychisch und physisch erniedrigt, mit militärischer Autorität seiner Macht unterworfen und meine Mutter in Fortführung Deiner Vorarbeit um ein Vielfaches gestutzt? Alles eine Mischung aus purer Einbildungskraft und Manipulationsgeschick meinerseits, nicht wahr, Du alte Hexe?

Du und Deine Mutter, ihr beide seid jeweils auf die eigene Mutter fixiert. Während sie versuchte, alles wegzustoßen, was ihre Mutter zu geben hatte, suchst Du bei ihr etwas, was schlicht nicht existiert.

Vielleicht habe ich Deinen Schmerz geerbt, doch ergeben werde ich mich ihr nicht.
Ich bin niemandes Sklave, auch nicht die meiner eigenen Emotion.

Mein Voranschreiten hätte als Mut gelten können.
Doch wer nie etwas hatte, das verloren gehen könnte, wird nicht von Mut, sondern von der Vergangenheit getrieben. Nie nach hinten schauen, immer nach vorne blicken, irgendwo in der Ferne werde ich schon noch gefunden. Es ist diese Fernsucht, die mich scheinbar von allem Äußeren abspaltet.

Es ist diese imitierende Haltung, die mit formvollendeter Distanziertheit den Gesunden da draußen vorenthält, wie tief im Inneren eine Abgrenzungsstörung wütet.

Meine größte Schwäche, das bin ich.
Verletzlich und übersensibel tendierte ich dazu, meine Emotionen für andere aufzuopfern. Nur mir selbst gegenüber konnte ich kein Mitgefühl aufbringen. Ich war so lange stumm, dass die Worte einfach nichts mit mir anzufangen wussten, geschweige denn mit all jenen, die meine bodenlose Wut mitbegründeten.

So viele Jahre blieb ich Opfer, so viele Menschen lud ich als solches dazu ein, auf mir herum zu trampeln. Alle sahen es, nur ich nicht. Wie ich mich selbst klein machte und schweigsam um inneren Halt bettelte, ungeachtet des Guten oder Bösen, das mich dabei beobachtete. Alle lasen in mir wie in einem aufgeschlagenen Buch, ein jeder konnte freizügig darin blättern.
Als ich es endlich begriff und genug davon hatte, Jedermanns Steilvorlage zu sein, schlug ich das Buch zu. Hätte ich doch lieber bei meinen Peinigern zugeschlagen. Nun hatte ich nicht nur mich, sondern auch meine Geschichte gleich mit eingeschlossen.
So saß ich da in meinem selbst gebastelten Kerker, zusammen mit all meinen Dämonen, die ich viel zu lange mit mir selbst verwechselte. Selbst wenn ich es könnte, mit welcher Rechtfertigung sollte ich mich selbst befreien? Kämpfe focht ich immer nur für andere aus, es kam mir nicht in den Sinn, für mich selbst zu kämpfe. Was hatte ich denn schon zu bieten. Ist es etwa eine Gabe, die der Welt fehlt, unermüdlich im Dreck wühlen, davon speisen und zwischen alledem genügsam ausharren zu können?

Was auch immer es war oder ist, es hat mich unerträglich erschöpft. Mich blind gemacht für Möglichkeiten, die kein Schicksal kennen. Mit großen Augen schaute ich immer fasziniert auf Menschen, welche nicht verloren zur Welt kamen, in pausenlosem Desinteresse gebadet, gewickelt in Unzulänglichkeit und maßlosem Selbstsucht.

Ich bin es so müde, ich zu sein.
Dieses Abbild einer Gefangenen, aus deren Mitte eine tiefe Abneigung gegen alles Gemäßigte entspringt. In mir kämpften Furcht und Sehnsucht um Glück und Zufriedenheit, ich wollte nicht ankommen im Hafen, dessen Stille nicht das tosende Chaos in mir zu überhören vermag. Was in sich ruht, blieb mir gestohlen.

Dieses Ding genannt Selbstverständnis ist mir fremd; mein persönlicher, geheimnisvoller Fremder im Schatten. Immer wieder versprach er mir Geschenke, die schönsten Gaben, nach denen ein Jeder, der sie nicht alle beisammen hat, sich sehnt:
Erkenntnis, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen.

So lange schlich er um mich her, verfolgend, umgarnend, ködernd – es gab kein Entkommen.
Also hörte ich irgendwann einfach auf; ich unterbrach den Kreislauf des Davonrennens und lebte den Stillstand. Ich war der Stillstand. Mir konnte keiner mehr etwas vormachen.

Ob es der Fremde war, der dieser Illusion eines Standbeines einen Hieb versetzte? Der freie Fall war mir sicher, doch an ein Kriechen nach dem Aufprall war nicht zu denken. So lag ich da, hart und erkaltet betrachtete ich das pure Grauen um mich herum. Noch nie war ich so weit runter gekommen.
Was ich mir selbst zuvor als Voranschreiten weisgemacht hatte, lag als Wahrheit niedergeschmettert neben mir. Von wegen Stehaufmännchen, ich war ja niemals aufrecht gewesen. Hier begegnete ich den unverdauten Resten meiner Lebenslüge, ihre Einzelteile trafen mich wie Granatsplitter. Endlich spürte ich etwas, spürte ich mich.
Entsetzlich unerträglich schmerzte mich das Leid, das ich mir all die Jahre selbst tat.

Hier war mein Zuhause, dessen Hausherr nicht der Fremde, sondern allein ich war. Ich blickte auf den wahren Grund meines Schmerzes und erkannte, dass ich dem Selbsthass zu viel Raum gegeben hatte. Meine Wut, die Einsamkeit und Trauer, es ist alles echt – aber es ist nicht Alles. Sollte ich, könnte ich allem anderen Einzug gebieten? Es unterliegt doch meiner alleinigen Kontrolle über das, was ich rein lasse. Wie oft hatte ich mich ereifert anderen klar zu machen, dass sie selbst die Kontrolle haben, die Selbstverantwortung ihnen allein obliegt.
Man lehrt ja meistens das, was einem selbst nicht so recht gelingen will.

Meine eigene Bemühung, die absolute Kontrolle zu behalten, lief in die völlig falsche Richtung. Sie entglitt sie mir zusehends mit jedem Versuch, mich von Dir abzustoßen. Doch nicht Dich versuchte ich zu verdrängen, sondern dieses resistente Verlangen nach Deiner Anerkennung. Unsere einzig reale Verbindung ist eine Einbahnstraße – während ich zu Dir schaute, suchtest Du mit Scheuklappen nach ihr.

Ich bin Mitte Dreißig und so verwirrt wie noch nie zuvor.
Wie könnte ich mein Zuhause herrichten und Schönes hineinbringen, während Du gleichzeitig zu Besuch bist? Nicht nur auf eine kurze Stippvisite, sondern als harten Pflegefall. Du hast so viel Scheiße gebaut, dass es für ein Hochhaus reicht und jetzt soll ich Dir einen eigenen Raum überlassen?

Du bist und bleibst nun mal meine Mutter. Und ich bin ein Idiot.

Ich bin zwar nicht so desillusioniert, als dass ich glaubte, hinter der Alkoholsucht die lang ersehnte, liebende Mutter vorzufinden. Ich weiß, in welche Richtung Deine Tränen fließen. Es ging immer nur um Dich, Dich, Dich.
Deine abgenutzte Empfindsamkeit galt immer nur Dir selbst. Auf meine emotionale Tiefe konntest Du nie etwas entgegnen, doch ging es Dir schlecht, dann heultest Du wie ein kleines Mädchen. Ein dummes Gör, das gierig an der pechschwarzen Nabelschnur nuckelt und völlig verwundert Gift und Galle spuckt, bevor es wieder los rotzt und sich so unendlich selbst leid tut.
Du schiebst alle Taten von Dir in Richtung verkorkste Mutter und Kindheit, dabei verachtest Du Verständnis und Mitgefühl gegenüber jenen, die vom Opfer zu Täter wurden. Ich habe schon früh das Ärgern über Dummheit drangegeben. Du bist das lebende Negativbeispiel, dem ich nie folgen wollte. Die Probleme und Fehler anderer erscheinen einem immer wie in großen Neonbuchstaben; wir maßen uns an, die einzige Richtung ihres weiteren Weges zu kennen, während wir nicht einmal über dieselbe Schuhgröße verfügen.

Ich kenne Deine Antworten nicht und doch muss ich Dir dabei helfen, sie zu finden.

Meinem Zuhause hatte ich gerade einen neuen Anstrich verpasst und nun warte ich auf Deinen Einzug. Ich hoffe, ich kann die Geduld und das Durchhaltevermögen für die Dauer Deines hoffentlich letzten Aufenthaltes aufbringen.
Ob und wie ich Dich zu einem Entzug / einer Therapie bewegt bekomme ist fraglich, doch einziehen wirst Du erst einmal. Ich bin unendlich dankbar für meinen Menschen, meinen Fels in der Brandung und vertraue auf seine Unterstützung, auf dass ich nicht in Deinem Raum gefangen bleibe.

Du weißt es noch nicht, aber sobald Du über den Berg bist, ist das Kapitel beendet. Bis dahin gibt es noch einiges zu schreiben, dem kann ich nicht entkommen. Am Ende wird Dein unsäglicher Wunsch nach einem familiären Bilderbuch begraben. Denn zu lange hast Du die Arbeit daran vernachlässigt, ein Umstand, den Du mit der Dir gegebenen Schwäche entschuldigst.

Natürlich bist Du schwach. Das kann ich Dir gar nicht zum Vorwurf machen. Unverzeihlich ist nur, dass Du damit die totale Passivität begründest.

Mein größter Wunsch heute ist es, Dich in ein gesundes Leben zu entlassen.
Bitte, führe ein Leben, wie es Dir gefällt und gut tut. Werde glücklich.
Aber ohne mich.

Unvollendet…

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